Grußwort

Liebe Leserinnen und Leser,

„Die erste Form der Gastfreundschaft ist nötig, weil der Fremde gefährdet ist. Die zweite hat ihre Schönheit gerade darin, dass sie eigentlich überflüssig ist. Die Gäste könnten auch zu Hause essen, aber sie essen mit mir, und das macht mir und den anderen das Essen köstlicher. Wer gastlich ist, kennt die Kunst der Verschwendung, er geizt weder mit sich noch mit seiner Habe. Wie Geiz eine der hässlichsten Untugenden ist, ist Gastlichkeit eine der menschenwürdigen Schönheiten. Sie kann bis zur Unvernunft gehen, aber es ist eine der schönsten Dummheiten, deren der Mensch fähig ist.“

Diese Worte hat der Theologe Fulbert Steffensky geschrieben und ich habe mich an sie erinnert, als ich den Monatsspruch für Juni gelesen habe. 

Wir alle sind sicher immer wieder gerne Gäste und viele von uns freuen sich, wenn sie selbst Gäste empfangen können.  Bei Gastfreundschaft denken wir zunächst vielleicht an einen schön gedeckten Tisch, leckeres Essen, interessante Gespräche, einen vergnüglichen Abend mit freundlichen Begegnungen. Tatsächlich liegen aber die Wurzeln der Gastfreundschaft im Umgang mit Fremden. Sie reichen zurück in eine Zeit, wo jeder Fremde eine Bedrohung darstellte. "Hospes", das lateinische Wort für Gast, ist verwandt mit "hostis" und das bedeutet Fremderund Feind.

Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt,so lesen wir im Hebräerbrief. Da schwingt die Erzählung von Abraham und Sara mit, die in Mamre drei Fremde als Gäste empfangen haben. Sie waschen ihnen die Füße und laden sie zum Essen ein und merken erst viel später, dass in diesen Gästen Gott selbst zu Besuch ist. Sie begreifen das erst an dem ganz besonderen Gastgeschenk. Die drei verheißen Sara und Abraham den Sohn, mit dem sie nicht mehr gerechnet hatten. Wer die Tür für Fremde aufmacht, kann mit Überraschungen rechnen. Da wird ein neuer Blick auf das Leben geschenkt. Viele Menschen, die sich z.B. in den Freundeskreisen rund um die Flüchtlingsarbeit engagieren, können davon erzählen. 

Jesu Leben war geprägt von Gastfreundschaft. Er lud immer wieder Menschen ein, mit ihm zu essen und zu trinken. So schuf er einen Raum, in dem Begegnung auf Augenhöhe möglich war. Menschen, die sonst nicht mal beachtet wurden, wurden von ihm eingeladen, um Teil der Gemeinschaft zu sein. Als Gemeinde, die Gottes Gastfreundlichkeit ernst nimmt, versuchen wir Räume zu schaffen, in denen Trauriges und Schönes miteinander geteilt werden kann, in denen Fremde Heimat finden können und Gemeinschaft entstehen kann. Wenn wir Gastfreundschaft leben, dann teilen wir eine Grunderfahrung des Glaubens miteinander: dass Gott ein einladender Gott ist und an seinem Tisch ein Jeder und eine Jede Platz hat. Im Epheserbrief heißt es: So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. 

Es grüßt Sie herzlich,

Pfarrerin Simone Straub