Grußwort

Liebe Leserinnen und Leser,

denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest (Ps 91,11)

Diese Worte aus dem 91. Psalm gehören zu den beliebtesten Taufsprüchen. Viele Eltern wählen sie für ihr Kind, weil darin das zum Ausdruck kommt, was sie so sehr erhoffen: Schutz und Begleitung bei allem, was kommt. Und das ist hier nicht nur ein Wunsch der Eltern, sondern ein Befehl Gottes. Er will, dass da jemand behütet und beschützt wird und seinen Weg ohne Gefahren gehen kann. Wer wünscht sich das nicht?

Umso mehr irritiert mich das Bild des finnischen Malers Hugo Simberg: Der verwundete Engel. Da sitzt ein Engel auf einer Trage. Nach vorne gebeugt hält er sich fest, der Kopf ist verbunden und der gebeugte Rücken zeigt, wie wenig Kraft noch in diesem leichten Wesen ist. Die beiden Buben halten die Trage dafür umso fester. Der eine schaut konzentriert nach vorne; der andere traurig zur Seite. Wie wenn er sagen wollte: Seht ihr, was passiert ist? Die beiden tragen den Engel so, dass seine Füße nicht auf dem Boden schleifen können. Nur das Kleid hängt herunter. Und in der Hand hält der Engel einen kleinen Strauß weißer Blumen. 

Wie wenn er ihn gerade noch gepflückt hätte. 

Ein Bild, in dem Helles und Dunkles, Leichtes und Schweres miteinander verbunden und in Spannung zu einander steht. So wie im Leben auch manchmal.  Im Kirchenjahr feiern wir am 29. September Michaelistag. An diesem Tag erinnern wir an den Erzengel Michael und alle anderen Engel. Das ist in der evangelischen Kirche für viele ungewohnt. Und doch tauchen auch in unserem Alltag überall Engel auf: Schutzengel für die Schulanfänger, Engel zum Mitgeben bei Krankheit und in schwerer Zeit, Deko-Engel zu Weihnachten… Es scheint, als seien wir von Engeln umgeben. Der Michaelistag erinnert uns daran, dass Engel keinen Selbstzweck haben. Sie sind Boten Gottes und handeln in Gottes Auftrag. 

So wie der Engel, der zu Maria kommt und ihr sagt, dass sie ein besonderes Kind zur Welt bringen wird. Der Engel, der den Hirten sagt: „Fürchtet euch nicht. Euch ist heute der Heiland geboren!“ Und der Engel, der am leeren Grab auf die Frauen wartet, um zu sagen: „Jesus ist nicht mehr hier.“

An diese Geschichten erinnern wir uns im neuen Kirchenjahr wieder. Aber vorher kommt der Herbst und das Ende des alten Kirchenjahrs. Die Tage werden kürzer, manch einer wird niedergeschlagener. Und wir denken an das, was vergeht, und die, die schon gegangen sind.  Auch dazu gibt es Geschichten von Engeln. Der Engel, der den müden Elia berührt und ihm wieder neu Kraft gibt. Der, der Daniel in der Löwengrube bewahrt, und der, der Petrus aus dem Gefängnis führt. Lauter Engel, die mit kleinen Gesten zeigen: Gott ist da und er sieht dich und hilft dir. 

So gesehen bekommt das Bild von Hugo Simberg einen anderen Ausdruck, finde ich: Der Engel erinnert daran, dass Gott auch da ist, wo jemand verletzt ist oder keine Kraft mehr hat, selbst wenn es sich dabei um einen Engel handelt. Und die beiden Buben werden auf einmal zu Boten für den Engel. Sie zeigen ihm, was es heißt, dass Gott seinen Engeln befohlen hat, ihn zu behüten, so dass er seinen Fuß nicht an einen Stein stoßen kann. Göttlicher Schutz und Begleitung werden hier ganz menschlich und erfahrbar. Und die Worte des 91. Psalms scheinen mit den dreien mitzugehen.

Ich wünsche Ihnen für die kommenden Monate, dass Sie spüren können: Gott geht auch mit mir!

 

Pfarrerin Simone Straub