Grußwort - Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit


Liebe Leserinnen und Leser des Gemeindebriefes,

 

seit Februar liegt im Olgäle ein kleines Mädchen. Ein halbes Jahr ist es nun auf der Welt und noch keinen Tag daheim gewesen. Viele Operationen gab es in den vergangenen Wochen, viele Krisen, viel auf und ab. Und vergangene Woche dann das: Ich treffe das kleine Mädchen, wie es im Tragetuch auf dem Bauch seiner Mutter über die Station getragen wird.  Zum ersten Mal sind Mama und Kind mit allen Geräten und Schläuchen außerhalb des Zimmers unterwegs. Aufmerksam und mit großen Augen schaut das Mädchen sich um und lacht ihre Mutter an. Es ist das erste Lachen nach sechs Monaten. Und die Mama sagt unter Tränen: Sie lacht. Es ist der Himmel auf Erden.

Das, was bisher gewesen ist, das was kommen wird, tritt für einen Moment in den Hintergrund. Das Wesentliche wird sichtbar und ich ahne: In diesem Moment ist das Leben der so gebeutelten Mutter heil. Alles, was die Tage und Nächte belastet, ist für einen Moment weg. Mitten auf der Intensivstation ist für einen Moment der Himmel auf Erden.

Ja, es gibt ihn, den Himmel auf Erden. Zugegeben, er ist nicht so da, dass man sagen kann, jetzt soll er kommen. Und doch ist es so, dass er mitten im Alltag  auf einmal da ist. Nicht erwartet und nicht gemacht, sondern einfach geschenkt. Für manche, für zwei, für eine Mutter und ihr Kind, für mich. 

Jede und jeder kann hoffentlich von solchen besonderen Erlebnissen erzählen. Solche Erfahrungen könnte Jesus gemeint haben, als er einmal auf die Frage der Pharisäer „Wann kommt das Reich Gottes?“ antwortete: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ An anderer Stelle verweist Jesus auf das, was die Menschen mit ihm erlebten: „Blinde sehen, Lahme gehen, Menschen mit Aussatz werden rein, Taube hören, Tote werden zum Leben erweckt, Armen wird die gute Nachricht verkündet.“

Die Bibel kennt viele Bilder vom Reich Gottes. Und in allen Bildern wird klar,  dass das Reich Gottes in seiner Fülle jenseitig und zukünftig ist. Besonders deutlich ist das bei Jesaja im 11. Kapitel beschrieben: „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand strecken in die Höhle der Natter.“

Und doch ist das Reich Gottes schon überall dort, wo wir Gott Raum geben durch unser Reden und unser Handeln.  Die tägliche oder sonntägliche Wiederholung der Vaterunser-Bitte „Dein Reich komme“ erinnert daran.

„Das Reich Gottes ist mitten unter euch.“  Für mich ist diese Aussage Aufforderung und Trost zugleich. Das Reich Gottes ist mitten unter uns.  Ja, immer wieder mal, an immer anderen Orten: im Kinderkrankenhaus, im Seniorenheim, im eigenen kleinen Lebensumfeld. Das beruhigt mich und ermutigt mich. Denn es stimmt:  Wir hoffen auf die Vollendung des Reiches Gottes jenseits unserer Welt und unserer Zeit, aber wir dürfen jetzt schon aus der Fülle des Lebens, wie Gott es sich vorstellt, leben.

 

Ich wünsche, dass die Welt und jeder einzelne von uns immer wieder ein Stück vom Himmel erfährt.

Es grüßt Sie herzlich

 

Pfarrerin Simone Straub