Grußwort

Liebe Leserinnen und Leser,

im Tempel erlebt der alte Priester Zacharias eine Begegnung mit dem Gottesengel Gabriel, der ihm die Geburt seines Sohnes Johannes voraussagt. Der Mund des Zacharias bleibt daraufhin neun Monate verschlossen. Aber dann, als Johannes, der ja später auf das Kommen Jesu Christi hinweisen wird, geboren worden ist, öffnet sich der Mund des Zacharias. Vom Heiligen Geist erfüllt, wird er gewissermaßen zum Weihnachtspropheten:

Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“

Was habe ich denn noch zu erwarten? Diese Frage stellt sich uns, wenn wir spüren: Von mir selbst ist nichts mehr zu erwarten. Meine eigenen Kraft- und Hoffnungsquellen geben nichts mehr her:

„Disteltage, bin wund gerissen.
Das Leben scheint nur noch zu bestehen aus Schmerz und Misslingen.
Ich weiß nicht, was tun.
Wut kriecht hoch in mir, schlägt um in Resignation.
Wozu bin ich noch da? Ich weiß es nicht.“

Wenn wir doch entdecken und begreifen würden: Weihnachten hängt nicht an dem, was wir bewerkstelligen, vorbereiten und von uns selbst oder von anderen erwarten. Weihnachten hängt auch nicht davon ab, ob wir „in Stimmung“ sein können über ein oder zwei Tage. Nicht immer gelingt uns das.Wenn wir doch entdecken und begreifen würden, dass wir gerade in unserer Bedürftigkeit, in unserem Schmerz und Misslingen, in unserer Finsternis, die Adressaten sind der Barmherzigkeit Gottes. Zacharias verheißt uns das Kommen Jesu Christi dorthin, wo wir wirklich sind: Uns wird besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es uns erscheine in unserem „Disteltagedasein“. Als Kind habe ich nie verstehen können, wenn mein Vater erzählte, dass er das für ihn eindrücklichste und auch reichste Weihnachtsfest im Krieg im Kaukasus in einer Scheune erlebt habe. Nie habe er beim Licht einer Kerze das Weihnachtsevangelium deutlicher gehört als für ihn bestimmt und gültig in seiner Angst und in aller Ungewissheit und Friedlosigkeit. Heute denke ich oft daran.

Gottes Barmherzigkeit sucht und findet uns in unserer Nacht und weiht und verändert sie durch das Dasein Jesu Christi. Er ist das aufgehende Licht, die Weihnachtssonne, der neue Tag für unser Leben und Sterben. Um seinetwillen haben wir viel zu erwarten:

„Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Advents-und Weihnachtszeit

 

Ihr Pfarrer Heinrich Schmid