Grußwort

Liebe Leserinnen und Leser,

Du siehst mich. So hieß die Losung des diesjährigen Kirchentages in Berlin.

Du siehst mich. So sagt Hagar, die Sklavin zu Gott. Sehen und gesehen werden, darum geht es unter uns Menschen. Darum geht es auch in der Geschichte von Sarah, Abraham und Hagar. Es sind drei Menschen, die sehen und gesehen werden, die wegsehen und übersehen und übersehen werden. Weil Sarah nicht schwanger wird, zeugt Abraham ein Kind mit Sarahs Magd Hagar. Sarah selbst machte den Vorschlag. Aber als Hagar schwanger ist, kann Sarah es nicht ertragen. Es kommt zum Konflikt zwischen den beiden Frauen und die schwangere Hagar flieht in die Wüste. Hier spricht ein Bote Gottes, ein Engel sie mit Namen an. Und Hagar antwortet und sagt: Du bist ein Gott, der mich sieht.

Etwas Besonderes ist es ja bis heute, gesehen zu werden. Schau mal! So rufen Kinder und fordern die Eltern auf, hinzuschauen. Schau mal! Schau auf mich, nimm mich wahr, ich bin da! Als Erwachsene trauen wir uns das nicht mehr. Was aber bleibt, ist die Sehnsucht, gesehen und geliebt zu werden. Oft fühlen wir uns in unseren Sorgen und unserem Kummer allein und sehnen uns nach einer unerwarteten Stimme, einer unsichtbaren Hand, einem liebevollen Blick, der uns herausholt. Hagar wird von Gott gesehen. Das bedeutet für sie Leben, Hoffnung und Zukunft. Endlich erfährt sie Anerkennung und Angenommensein. Hagar gibt als erster Mensch in der Bibel Gott einen Namen: Du bist ein Gott, der mich sieht. Ihr Sohn wird später den Namen Ismael tragen. Das bedeutet: Gott hört.

Du bist ein Gott, der mich sieht und der mich hört.

Nicht zur Kontrolle und Macht, sondern in Begegnung, in Beziehung. Gott sieht jeden einzelnen Menschen. Schaut mich an, er sieht mich, wie ich bin. Mit all dem, was ich bin, mit meinen Fehlern und allem Versagen, mit meinen Stärken und Begabungen. Ich muss weder ihm noch mir etwas vormachen. Und er ermutigt uns, es ihm gleich zu tun. Er sieht die Fremden und die Traurigen. Er sieht selbst die, die niemand mehr ansieht. Durch sein Ansehen schenkt er jedem Einzelnen Würde. Hagar wurde von Gott gesehen und sie hat Gott angesprochen. Das können auch wir tun. Wir können uns an Gott wenden, den Gott, der Hagar, der Sklavin, Hoffnung und Lebenszuversicht gegeben hat. An den Gott, der aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will, wie Dietrich Bonhoeffer es gesagt hat.  Du bist ein Gott, der mich sieht! Der mittelalterliche Mystiker Nicolaus von Cues legt das so aus: Herr! Dein Sehen ist Lieben. Ich bin, weil du auf mich siehst. Ich weiß: dein Blick ist die größte Güte. Dein Sehen ist ein Beleben und das ist ewiges Leben: das selige Anschauen, mit welchem du in höchster Zärtlichkeit bis ins Innere meines Herzens mich zu sehen nicht aufhörst. Du siehst mich – das ist ein Gottvertrauen, das ich uns wünsche.

Simone Straub